Schichtdienst belastet Polizisten enorm
Gewalt, traumatische Erlebnisse bei Verbrechen und Unfällen, 16 Stunden-Tage, Wechselschicht - die täglichen Belastungen machen eine Vielzahl der Polizisten krank. Dies ist nun erstmals durch eine Pilotstudie belegt, die am Mittwoch in Hannover vorgestellt wurde. Die Universität Göttingen hatte in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Arbeitsmedizin in Freiburg 112 der gut 18 000 niedersächsischen Beamten befragt und medizinisch untersuchen lassen.
Dabei seien, mehr als in anderen Berufen, Schlaflosigkeit, Stress sowie kritische Befunde des Hör- und Sehvermögens und auch erhöhte Anzeichen eines Burn-Out-Syndroms zutage gekommen, sagte die Leiterin der Studie, Astrid Heutelbeck, am Rande der Fachtagung des Sozialfonds der Polizei «Polizist - Kein Beruf wie jeder andere!». Insbesondere die Belastungen des täglichen Wechsels zwischen Früh-, Spät- und Nachtdienstes seien so hoch wie in keinem anderen Beruf. Auffällig sei zudem der geringe Anteil verheirateter Polizistinnen und die deutlich höhere Scheidungsrate insgesamt. Die Beamten müssten zumeist ihre Emotionen verbergen und kämen schnell in Konflikte mit den Bürgern, fügte Matthias Nübling von der Forschungsstelle Arbeitsmedizin in Freiburg hinzu.
Oftmals entscheide nur ein Wimpernschlag in einer Alltagssituation eines Polizisten, ob die Lage eskaliert, sagte Martin Skerhutt vom Polizeikommissariat Walsrode. Vor sieben Jahren war der heute 34-Jährige gezwungen, eine Waffe auf einen Angreifer zu richten, der einen Kollegen mit zwei Küchenmessern bedrohte. «Ich wusste, wenn er sich bewegt, muss ich ihn töten oder schwer verletzen.» Nach solchen Eindrücken sei ein Freiraum zur Regeneration und Bewältigung notwendig. «Das ist aber bei der Personallage nicht möglich, mit den negativen Folgen für Körper und Geist», sagte Skerhutt.
Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Thomas Kliewer, forderte neue Schichtsysteme und familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Zudem müsse die Arbeitsbelastung reduziert, die Aufstiegschancen verbessert und der Schichtdienst besser bezahlt werden. «Wenn man den Fürsorgegedanken ernst nimmt, kommt man nicht umhin, Geld in die Hand zu nehmen.»
Innenminister Uwe Schünemann (CDU), der als Dienstherr der niedersächsischen Polizei die Studie auch finanziell unterstützt hatte, gab diesen Forderungen eine deutliche Abfuhr. «Ich bin da schmerzhaft offen: Das ist zur Zeit nicht umsetzbar. Die hohe Schuldenlast des Landeshaushaltes muss konsequent gesenkt werden.» Es würden jedoch 1000 neue Stellen geschaffen. Zudem gelte es die zahlreichen Angebote zur Krisenbewältigung auch zu nutzen, betonte Schünemann auf der Fachtagung am Mittwoch. Die Vorgesetzten seien daher stärker gefordert, die Notwendigkeit einer solchen Maßnahme bei den Kollegen auch zu erkennen. (dpa/lni)
Hannover, 21.04.2010









