Attraktivitätsturbo
Arbeiten und Wohnen in Hochpreisregionen – Polizisten erzählen ihre Geschichten
Die DPolG Bundespolizei fordert in ihrem DPolG-Attraktivitätsturbo eine Zulage für Beamte in Hochpreisregionen. Nach einem Aufruf in den sozialen Medien haben viele Bundespolizisten von ihren Wohn- und Arbeitssituationen erzählt. Hier eine Auswahl.
Jeden Tag sorgt die Bundespolizei für die Sicherheit der Menschen in diesem Land – viele Kollegen arbeiten im Schichtdienst und unter hoher psychischer und physischer Belastung. Hinzu kommt, dass einige dort ihren Dienst verrichten, wo Wohnen kaum mehr bezahlbar ist.
Arbeiten in einer Hochpreisregion wie München oder Frankfurt am Main, bedeutet häufig: Umzug ins Umland, lange Pendelfahrten, Doppelhaushalt oder starke finanzielle Einbußen. Nicht, weil die Beamten es so wollen – sondern weil sie sich eine Wohnung in der Nähe ihrer Dienststelle schlicht nicht leisten können. Daher fordert die Deutsche Polizeigewerkschaft Bundespolizei eine Zulage für Beamte in Hochpreisregionen. Denn gleiche Besoldung darf nicht zu ungleichen Lebensrealitäten führen.
In den sozialen Netzwerken hat die DPolG Bundespolizei dazu aufgerufen, von der Arbeit bei einer Dienststelle in einer besonders teuren Region, zu erzählen.
• Was nehmen sie für ihren Dienst in Kauf?
• Wie lange pendeln sie und wie ist das mit dem Schichtdienst vereinbar?
• Wie wirken sich Mieten, Immobilienpreise und lange Arbeitswege auf ihr Leben aus?
Viele Kollegen haben ihre Erfahrungen geteilt. Eine kleine Auswahl an Berichte von Lebensgeschichten finden Sie hier:
1. Beamter der BPOLI Stuttgart
Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebes DPolG-Bundespolizei-Team,
vielen Dank für Ihre Initiative zum Thema Hochpreisregionen und die Einladung, unsere Erfahrungen zu schildern. Im Austausch mit mehreren Kollegen möchte ich folgende Mail verfassen.
Der Großraum Stuttgart gehört zu den 5 teuersten Regionen Deutschlands; insbesondere die Wohnungsmieten liegen deutlich über dem Bundesdurchschnitt und erreichen selbst für einfache Wohnungen ein Niveau, das für Kolleginnen und Kollegen im regulären Polizeivollzugsdienst (mPVD / gPVD) nur schwer tragbar ist:
Verschiedene Mietspiegel und Marktanalysen weisen für Stuttgart mittlerweile durchschnittliche Wohnungsmieten von deutlich über 17 Euro pro Quadratmeter aus, mit Spitzenwerten von über 20 Euro je Quadratmeter – Tendenz weiter steigend. Selbst einfache, nicht luxuriöse Wohnungen im weiteren Stadtgebiet erreichen Kaltmieten in unverhältnismäßigem Ausmaß.
Auch im Umland in Richtung Leonberg oder entlang der Achse Richtung Schwäbische Alb haben die Preise stark angezogen, sodass ein Ausweichen ins weitere Umfeld immer weniger Entlastung bietet… Die Lebensmittel und Alltagskosten sind in der Region um Stuttgart durchschnittlich 12 Prozent höher als bundesweit. Insbesondere an meiner Dienststelle ist eine Versorgung während des Dienstes extrem hochpreisig, da im Flughafen und an Bahnhöfen generell das wechselnde und reisende Klientel von Einzelhändlern und Restaurants genutzt wird, um den eigenen Gewinn zu maximieren und die hohen Mietkosten zu decken.Besonders relevant ist dies für die junge Generation: An manchen Dienststellen reicht das durchschnittliche Alter der Beamten in die mittleren bis unteren 20er Jahre. Die wesentlichen Lebensführungsentscheidungen dieser Gruppe haben hohe Relevanz, da Dienststellen attraktiver werden müssen, um junge Talente langfristig zu halten, wertvolles Wissen und Erfahrung aufzubauen und den hohen Verwaltungsaufwand durch Personalwechsel zu minimieren und die Motivation zu steigern. Junge Beamte, die Familiengründung, Eigenheim oder andere Lebenspläne anstreben, verlassen die Region in der Regel, wenn die Lebenshaltungskosten zu hoch sind und eine allgemeine unzufrieden aufgrund finanzieller Engpässe hinzukommt.
Meine persönliche Situation verdeutlicht diese Problematik: Aus Kostengründen wohne ich derzeit in großer räumlicher Distanz und pendle zu meiner Dienststelle am Flughafen Stuttgart, einfache Fahrzeit etwa 50 Minuten. Dienstplangeschuldet fallen dabei sehr häufig Fahrten von täglich je rund 125 Kilometern für Hin‑ und Rückweg an – oftmals zu Zeiten des Berufsverkehrs, was die Pendelzeit zusätzlich verlängert. Die finanziellen Belastungen durch Kraftstoff‑ und Fahrzeugkosten, kombiniert mit den ohnehin hohen Lebenshaltungs‑ und Lebensmittelpreisen in Baden‑Württemberg, schränken die reale Lebensführung erheblich ein und lassen nur wenig Spielraum für Rücklagen oder Familienplanung. Die effektiven Ruhezeiten für Freizeit, Hobbys,
Kochen, soziale Interaktion werden so nur weiter geschmälert und senken den Erholungsfaktor enorm.
Weiterhin fehlt die amtsangemessene Alimentation, welche schon viel zu lange auf sich warten lässt, Beförderungen sind gedeckelt oder unterliegen Quoten und dem Bundeshaushalt, wodurch eine damit einhergehende Planung noch schwieriger wird.
In der Summe führt dies dazu, dass bei formell gleicher Besoldung die Lebensrealität in der Region Stuttgart deutlich schlechter ist als in günstigeren Regionen (z.B. Grenzgebiet Polen o.ä.). Aus diesem Grund halte ich eine regionale Zulage für Dienststellen in Hochpreisregionen wie dem Großraum Stuttgart für dringend erforderlich. Eine solche Zulage würde lediglich bestehende Ungleichheiten abmildern, die Attraktivität des Dienstes sichern und verhindern, dass Kolleginnen
und Kollegen aus finanziellen Gründen von diesen Standorten wegstreben.
Mit freundlichen Grüße
2. Beamter der BPOLI Freilassing
Liebe DPolG,
bezüglich der Thematik zu den Hochpreisregionen würde ich gerne auf die folgenden Punkte aus meiner persönlichen Erfahrung eingehen:
1) Was nehmt ihr für euren Dienst in der Region in Kauf?
Zum Zeitpunkt meines Dienstantritts in der BPOLI Freilassing im November 2021 waren leider auf dem Wohnungsmarkt in und um Freilassing (Umkreis von 20 km) nur sehr begrenzte Wohnungen zur Verfügung. Egal, ob 45qm oder 90qm Wohnung, alle lagen preislich nicht unter 700 Euro Kaltmiete. Sofern es ein Angebot von unter 700 € Kaltmiete gegeben hatte, war das Mietobjekt entweder massiv veraltet (letzte Renovierung vor dem Jahr 2000) oder die Anfahrt lag bei einer knappen Stunde. Daher musste ich eine Wohnung in Freilassing beziehen, welche optimal für den Alltag ist, aber mich als Einzelperson über 1000 Euro Warmmiete pro Monat kostet. Es bleibt also zum Monatsende kaum noch Geld übrig, welches angespart oder in ein Depot angelegt werden kann. Alle aktuellen Wohnungsangebote, welche in Frage kommen
würden sind leider so Kostenintensiv, dass am Ende des Monats nach den restlichen Fixkosten wenig zum Zurücklegen übrig bleibt.
2) Wie lange pendelt ihr und wie ist das mit dem Dienst/Schichtdienst vereinbar?
Aktuell ist meine Anfahrt zur Dienststelle bei unter 10 Minuten. Aber auch nur aufgrund der leider viel zu teuren Wohnung. Bei einem angestrebten Wechsel dieses Jahr zur BPOLI Rosenheim würde ich wieder zurück in meine Heimat in Richtung Tegernsee ziehen. Dort ist eine Wohnung nochmals wesentlich teurer als bisher. Daher wäre ein Pendeln von 30 bis 40 Minuten bei optimaler Verkehrslage möglich. Jedoch nicht bei Ferienverkehr, da man dort über die A8 auch mal gut eine knappe Stunde nach Rosenheim fahren muss. Eine Wohnung/ Haus ist aber auch näher an Rosenheim oder auch Freilassing nicht bis kaum bezahlbar. Erst recht, wenn man an den Kauf einer Immobilie denkt. Die Grundstückspreise sowie Baupreise sind in beiden Regionen exorbitant hoch und mit einem Obermeistergehalt kaum tragbar.
3) Wie wirken sich Mieten, Immobilienpreise und lange Arbeitswege auf euer Leben aus?
Wie bereits geschildert, kann ich mir alleine egal ob in der Heimat, in der Nähe Rosenheim oder auch Freilassing nach dem aktuellen Stand keine Immobilie leisten. Wohnungen sind auch in schlechteren Zuständen nicht unter 350.000 € zu bekommen. Ein Haus teilweise nicht unter einer knappen Millionen Euro. Um sich also irgendwann einmal an einem Ort niederlassen zu können ist nur maximal mit Mietobjekten machbar. Aber auch dann, bleibt einem nicht viel, was man für die
Zukunft ansparen kann. Auch muss man bei den aktuellen Miet- und Kaufpreisen immer mehrfach überlegen, ob man sich einen kleinen Luxus, wie Urlaub oder ein neues Auto leisten kann. Auch das Tanken aufgrund längerer Wege zur Dienststelle sind immer mehr zu berechnen. Die Spritpreise steigen immer weiter und wenn man dann noch so hohe Ausgaben aufgrund der Miete hat, reicht es oftmals nicht, nur zweimal pro Monat zu tanken. Ich würde sehr gerne, ein geeignetes Zuhause finden, in dem ich mich für meine restliche dienstliche Karriere niederlassen kann. Jedoch wird das mit den aktuellen Miet- und Kaufpreisen mit dem derzeitigen Gehalt nur schwer machbar sein.
Ich hoffe der Erfahrungsbericht kann für den Attraktivitätsturbo – Zulage für Hochpreisregionen verwendet werden oder öffnet den richtigen Personen zusammen mit den Erfahrungen der anderen Kollegen die Augen.
Mit freundlichen Grüßen
3. Beamter der BPOLI Frankfurt V
Grüßt euch,
vielen Dank für diese Umfrage. Sie greift einen Punkt auf, der im dienstlichen Alltag häufig unterschätzt oder mit einem Lächeln abgetan wird.
Ich stamme aus dem Ruhrgebiet und versehe meinen Dienst seit September 2023 am Flughafen Frankfurt am Main (BPOLI FRA V). Bereits während meiner Anwärterzeit bin ich in die Nähe von Hanau gezogen. Dort lebe ich bis heute und zahle aktuell 1.145,00 € Warmmiete. Nach einem kürzlichen Dienststellenwechsel beläuft sich mein täglicher Arbeitsweg mit dem privaten Kfz auf 93 Kilometer. Obwohl man nicht unmittelbar von der Hand in den Mund lebt, ist eine äußerst disziplinierte Haushaltsführung zwingend erforderlich. Die laufenden Kosten für Miete, Energie, Internet, Mobilität, Verpflegung sowie notwendige Fahrzeugreparaturen und Wartungen binden das Gehalt nahezu vollständig. Zusätzliche finanzielle Spielräume, etwa für Urlaubsreisen oder Rücklagen, sind kaum vorhanden. Heimfahrten haben dabei klare Priorität.
Der Vergleich mit Kolleginnen und Kollegen, die heimatnah oder außerhalb von Ballungsräumen eingesetzt sind, führt zwangsläufig zu der Frage, ob die aktuelle Einsatz- und Besoldungsstruktur noch zeitgemäß ist. Ich habe mich bewusst und aus Überzeugung für den Polizeiberuf entschieden. Ich übe diesen Dienst mit hoher Motivation aus und strebe keinen anderen Beruf an. Dennoch würde eine verlässlichere finanzielle Absicherung die Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit erheblich steigern.
Vielen Dank für die Möglichkeit, diese Erfahrungen zu teilen. Ich hoffe, dass die Ergebnisse dieser Umfrage zu nachhaltigen Verbesserungen führen.
Mit kollegialen Grüßen
4. Beamter der BPOLI München
Hallo Kollegen!
Zu der Wohn- und Arbeitssituation. Ich bin bei der BPol MUC tätig und lebe im Landkreis Günzburg. Ich pendel jeden Tag ca 120 km einfache Strecke (ca 250 km täglich). Zudem kommt das Schichtmodell bei denen man teilweise um 5 Uhr Dienstbeginn hat, was für mich bedeutet dass mein Wecker Nachts um 3 Uhr klingelt..
Das ganze mache ich jetzt schon seit 3.5 Jahren.
Liebe Grüße
5. Beamter der BPOLI Freilassing (zuvor München)
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich möchte auch über meine Erfahrungen zum Thema sprechen. Ich bin seit 2023 mit dem Studium fertig. Danach wurde ich als Erstverwendung an den Flughafen München geschickt. Natürlich war diese Dienststelle, wie bei so vielen, nicht auf der Wunschliste gestanden. Leider war die Stellenzuteilung bei uns auch noch sehr spät, wodurch ich, wie meine Kollegen, nicht viel Zeit hatten uns eine Wohnung zu suchen. Nach dem ersten checken der Angebote wurde klar es wird auf eine WG herauslaufen. Also habe ich mich mit vier Kollegen zusammen getan und eine Wohnung hinter Landshut bekommen. Also hatten wir eine Fahrstrecke von einer Stunde jeden Tag vor uns. Somit hatten wir auch eine Mehrbelastung an Fahrkosten und da wir in unterschiedlichen Dienstgruppen unseren Dienst verrichteten hat auch eine Fahrgemeinschaft nicht geklappt.
Noch als Negativ Faktor kam der grauenhafte Schichtplan der Dienststelle hinzu. Da es sich um einen vier Schichtblock handelte, hatten wir an einem Tag zwei Schichten, also eine Tagschicht die um 05:00 Uhr startete und um 14:00 Uhr endete und eine Nachtschicht die um 22:00 Uhr begann und um 06:00 Uhr endete. Eine Möglichkeit sich in der Zeit am Flughafen zu erholen gab es nicht. Somit hatten wir mit jeweils Hin- und Rückfahrt 5-6 Stunden Zeit zuhause. In dieser Zeit konnte man allerhöchstens kochen und musste sich erholen um die Nacht zu Überstehen. Als
würden die Unannehmlichkeiten nicht reichen musste trotzdem jeder von uns 500€ Miete zahlen und oben drauf kam eine am Ende des Jahres eine Nebenkostenabrechnung von 400€ für jeden. Nicht zu schweigen von den Lebenshaltungskosten die im Münchnerraum horrend sind. Dazu kommt noch das die Arbeit am Flughafen unzufriedenstellend für die Meisten ist. All diese
Faktoren machen die Mitarbeiter unzufrieden. Ich bin mir sicher das die Einführung einer Zuzahlung für Hochpreisregionen definitiv die Akzeptanz und die Zufriedenheit für die Dienststelle steigern würde.
Zum Glück habe ich einen Tauschpartner gefunden und bin mittlerweile in der BPOLI Freilassing. Die Kosten sind hier zwar ähnlich, weil es sich um eine Urlaubsregion handelt, aber zumindest die Schichten sind besser und mein Arbeitsweg hat sich auf eine viertel Stunde reduziert. Somit habe ich jetzt mehr Freizeit und eine der schönsten Orte um mich. Die Kostenbelastung ist trotzdem hoch und am Monatsende ist weniger Über als bei Kollegen aus anderen Gebieten. An Große Ausgaben oder den Kauf einer Immobilie ist hier gar nicht zu denken.
Mit freundlichen Grüßen
